Pakt mit dem Teufel
 
     
 
Rechtsradikale Gruppen haben Italiens Stadien erobert: Mit rassistischen Sprechchören und Transparenten werden Ausländer und Minderheiten attackiert, jedes Wochenende droht Randale. Die Vereine sind ratlos. Nun sagt er gar nichts mehr. "Der Herr Präsident gibt derzeit keine Interviews", heißt es beim italienischen Erstligaclub Hellas Verona. Krank sei er und außerdem im Urlaub, jedenfalls "für niemanden zu sprechen". Vorher hätte er schweigen sollen, empört sich Veronas Bürgermeisterin Michela Sironi, "sein Gerede war absolut fehl am Platz". Mit seinen unbedachten Worten habe er Verona zur Stadt von Rassisten gestempelt. Dabei war Giambattista Pastorello, der Chef des Fußballclubs, nur ehrlich. Freimütig hatte er im Fernsehen erzählt, warum er sein abstiegsgefährdetes Team nicht mit dem ihm angebotenen Stürmer Patrick Mboma verstärken könne: Die Hellas-Fans würden den schwarzen Mann aus Kamerun nicht dulden. Seit Pastorello diese Wahrheit Anfang Februar öffentlich gemacht hat, liegt der italienische Fußball unter intensiver Beobachtung. Kein Spieltag vergeht, an dem die Entgleisungen rechtsradikal Gesinnter nicht akribisch notiert werden. Mögen in norwegischen Fußballarenen die "Boot Boys" ihr Unwesen treiben oder in England eine Gruppe namens "Combat 18" - in Italien hat die "International Herald Tribune" neulich das "Epizentrum der rassistischen Gewalt im Fußball" ausgemacht. Belege dafür finden sich zur Genüge. "Wir wollen dich nicht, dreckiger Neger", schmierten Mailänder "Ultras" auf Hauswände und meinten den dunkelhäutigen Engländer Paul Ince. Im toskanischen Lucca wurden gegnerische Spieler auf einem Spruchband als "Juden" begrüßt. Dschungelgeräusche gab es gegen Clarence Seedorf, den schwarzen Holländer bei Inter Mailand, Schmährufe gegen Marcel Desailly, den Franzosen vom AC Milan. Verona gilt unter Spielern mit dunkler Hautfarbe als besonders unangenehmes Terrain. Erst kürzlich hatte sich Hellas-Clubchef Pastorello beim farbigen Abwehrrecken Lilian Thuram für das Verhalten seiner Zuschauer entschuldigen müssen. Jedes Mal, wenn der Profi des AC Parma, der mit Frankreichs Nationalteam Welt- und Europameister wurde, den Ball führte, schallten "Bu-u-u"-Rufe von der Tribüne - eben so, wie sich stark geschorene, aber nur schwach gebildete Skinheads Gorilla-Rufe vorstellen. Der unflätige Umgang hat schon Tradition: Als 1996 der farbige Holländer Michel Ferrier von Hellas verpflichtet werden sollte, hängten rechtsradikale Tifosi mit Ku-Klux-Klan-Kapuzen eine lebensgroße schwarze Stoffpuppe im Stadion auf, mit einem Schild um den Hals: "Negro go away". Ihr Protest hatte Erfolg, Verona blieb bis heute farbenfrei. Allzu bemerkenswert fand das niemand, bis Pastorello naiv darüber plauderte. Zeitungen, Politiker und die Kollegen anderer Clubs reagierten mit Empörung, überschlugen sich in Political Correctness. Gianni Rivera, Ex-Rasenstar und heute Staatssekretär im Verteidigungsministerium, empfahl allen Ernstes, jeden Verein zu verpflichten, sich zwei dunkelhäutige Spieler zu halten - und einer von den beiden müsse immer in der Elf mitspielen. Verbandsfunktionäre und sportversierte Parlamentarier waren sich nahezu einig: Eher möge man ein Spiel abbrechen oder in leeren Stadien spielen als vor Nazi-Parolen auf den Rängen. "Mit Besorgnis und Enttäuschung habe ich Pastorellos Worte gehört", schrieb Sportministerin Giovanna Melandri an den nationalen Fußballverband. Was in Verona passiere, sei nicht hinzunehmen. Die Realität ist aber so, dass Italien radikale Schlägertrupps und rassistische Sprechchöre in den Stadien seit Jahren hinnimmt - und keineswegs nur in Verona. "Ein altes Problem", sagt Juventus Turins dunkelhäutiger Mittelfeldregisseur Edgar Davids. Gewalt und Rassismus gebe es "auf italienischen Sportplätzen schon immer - nur spricht man jetzt mehr davon". Erfolgreich hatten die fußballbegeisterten Italiener verdrängt, was an jedem Wochenende in vielen Stadien seit langem Normalität ist: Gewalttätige rechtsextreme Gruppen geben den Ton an, rekrutieren neue Mitglieder, demonstrieren vor großem Publikum mit Spruchbändern und Nazi-Liedern ihren fanatischen Rassismus, prügeln sich mit den gegnerischen Fans und der Polizei. In Bergamo beispielsweise lieferten sich Ende Februar die Anhänger von Atalanta und dem AC Bari wahre Straßenschlachten. Am selben Wochenende kam es vor und nach dem Spiel Sampdoria Genua gegen AC Turin zu heftigen Auseinandersetzungen, bei denen neben vielen anderen Genuas Polizeichef verletzt wurde. In Foggia - dritte Liga! - flog fast zeitgleich ein Brandsatz in Richtung des gegnerischen Torwarts; und auch bei der Drittligapartie Savoia gegen Catania notierten die Ordnungshüter brutale Schlägereien. "Die Gewalt nimmt zu", resümiert der Polizeiwissenschaftler Maurizio Marinelli, vor allem seien "die Ultras immer massiver bewaffnet." Die Clubs sind handlungsunfähig. Einerseits wissen sie, dass es keinen guten Eindruck macht, wenn die Kundschaft, wie Lazios "Irriducibili" ("die Unbeugsamen"), Transparente zeigt, auf denen steht: "Auschwitz Eure Heimat - Die Öfen Eure Häuser". Andererseits wollen die Vereinsbosse nicht ihre treuesten Fans verlieren, die die Mannschaften auch zu weit entfernten Spielorten begleiten. Die Ultras trommeln und pfeifen, klatschen und lassen Elektrofanfaren heulen. Sie organisieren die lautstarke Unterstützung für ihre Helden auf dem Platz, liefern die nötige Fußballatmosphäre. Sie sind der Schmierstoff für die Geldmaschine Fußball. Der Pakt mit dem Teufel geht so weit, dass viele Vereine die Eintrittskarten für Auswärtsspiele spendieren und Bus- oder Zugreisen organisieren. Manche überlassen den Fans sogar Clubräume und Handelsrechte an Vereinsemblemen. Gelegentliche Drohungen der Fußballbosse, etwa die von Lazios Präsident und Hauptaktionär Sergio Cragnotti, sein Team vorübergehend in Neapel spielen zu lassen, wenn die rechtsradikale Rassistenshow im römischen Stadion Olimpico nicht aufhöre, beeindrucken die Ultra-Tifosi deshalb wenig: Sie wissen, sie werden gebraucht. Auch Pastorello hatte im vorigen Jahr Veronas gewalttätigem Kurvenpublikum gedroht, er werde "die Koffer packen". Aber dann hat er wohl die geforderten 50 Millionen Mark für seinen Anteil an Hellas nicht bekommen, und so blieb er eben im Amt - ratlos wie zuvor. Höhnisch hatten die "Verona-Ultras" auch seine Offerte, Wohlverhalten mit 100 000 Mark zu belohnen, per Spruchband im Stadion zurückgewiesen: "Die Kurve lässt sich nicht kaufen." Ebenso brüsk schlugen die Fangruppen-Sprecher von Lazio Rom neulich ein erneuertes Angebot aus, gegen Entgelt vom Verein selbst für etwas mehr Ruhe auf den Rängen zu sorgen: "Keine Zusammenarbeit mit den Ordnungskräften", befanden sie. Mit Desinteresse nehmen die radikalen Tifosi auch die Strafaktionen des Fußballverbandes gegen ihre Vereine hin: Mit folgenloser Regelmäßigkeit verdonnern die Funktionäre seit neuestem Clubs mit gewalttätigen oder rassistisch-aktiven Hardcore-Fans zu Geldstrafen. Dreimal musste allein Verona zahlen, insgesamt 140 000 Mark. Nur, wen schmerzt das? So hilflos die Vereine, so verständnislos ist die Masse des italienischen Fußballvolkes. Rechtsradikale in britischen oder deutschen Stadien, die kann man sich erklären. Aber in Italien? Waren denn nicht die Großväter und Väter aus Verona oder Neapel einst zum Geldverdienen in die Fremde gezogen? Hatten sie nicht den Kindern und Enkeln erzählt, wie unerträglich Rassismus ist? Hatte man denn nicht Fremde in Italien stets mit offenen Armen empfangen? Man hatte. Doch Anfang der neunziger Jahre wandelte sich Italien vom Aus- zum Einwanderungsland. Neben den spendablen Touristen stehen seitdem arme Schlucker aus Osteuropa, Asien und Schwarzafrika an Po und Tiber. Rechte Parteien schüren die Angst vor den unheimlichen Fremden. Und was auf den Schwarzarbeiter am Bau und den fliegenden Händler in der Einkaufszone zielt, trifft en passant auch den Kicker mit dunkler Haut. Aber es sei doch nur eine winzige Minderheit, rechnet Veronas Bürgermeisterin Sironi vor: 200 Mitglieder zähle das Ultra-Lager ihrer Stadt - die übrigen 250 000 Einwohner plus eine Million Menschen im Umland seien alles andere als ausländerfeindlich. Wie auch? Zehntausende von Fremden besuchen alljährlich die antike Arena, drängeln sich unter dem Balkon, von dem Julia einst ihren Romeo anschmachtete, und füllen die Kassen der Veroneser. "Verona ist nicht rassistisch", bestätigt Henry Williams. Seit Jahren spielt der Amerikaner bei "Müller Verona" Basketball. Probleme mit seiner schwarzen Hautfarbe "hatte ich nie". Auch beim zweiten Fußballclub der Stadt, Chievo Verona, gibt es keine Rassisten auf den Rängen, aber schwarze Spieler auf dem Feld. Das belege doch, so die Bürgermeisterin, dass die "Phänomene der Intoleranz" in Verona, wie überall in Italien und den Nachbarländern, nur auf ein paar Außenseiter zurückgingen. Und beim Heimspiel gegen Bari, Mitte Februar, hätte es ja auch jeder erleben können: Zu Tausenden klatschte das Publikum, freilich von Vereinsflugblättern dazu animiert, die "Bu-u-u"-Rufe der Ultras nieder. Doch warum das erst geschieht, nachdem sich ganz Italien für die Veroneser Verhältnisse interessiert, das weiß auch "Frau Professor", wie sich die Stadtchefin gern anreden lässt, nicht. Und: Was ist, wenn es doch nicht nur ein paar verblendete Hanseln sind, wie Vereine und Polizisten mancherorts fürchten? Denn wahr ist auch, dass in Rom wie in Verona oder in Bergamo oft Tausende im Rhythmus der rechten Agitatoren klatschten und pfiffen. Was, wenn der Eindruck betroffener Spieler richtig ist, in vielen Städten buhe die Hälfte des Publikums regelmäßig mit - kann, will man die Arenen daraufhin leeren? Seit zwei, drei Wochen - seit die Nation plötzlich Anteil nimmt - versuchen Sondereinheiten der Polizei, die Herrschaft in den Stadien zurückzuerobern. Mit harten Bandagen: In Genua zum Beispiel wurden nach dem Schlusspfiff des Spiels gegen Turin Hunderte von Fans bis in den späten Abend festgehalten und einer nach dem anderen identifiziert und fotografiert. Es hagelte Stadionverbote und Anzeigen. Über das Land verteilt sind nun über 1500 Fans zur Fußballabstinenz verdonnert: Statt zum Spiel müssen sie jetzt jeden Sonntag auf dem Polizeirevier erscheinen, rechtzeitig zum Anpfiff. Geholfen hat das bislang nicht. Im Gegenteil, der Lazio-Rowdyblock nahm jetzt Kontakt mit Ultra-Gruppen anderer Vereine auf. Der Anführer der "Unbeugsamen", der sich beziehungsreich "Diabolik" nennt, schlägt eine Kooperation der rechten Horden gegen die Polizei vor. Es müsse Schluss sein "mit der Repression in eine Richtung!" Dabei zahlt die Polizei schon jetzt einen hohen Preis. Dutzende von Beamten bleiben an jedem Wochenende verletzt auf der Strecke. Die Einsatzfreude unter den 10 000 bis 15 000, die jedes Wochenende zu den umkämpften Arenen gekarrt werden, schwindet. "Wer", sagt ein römischer Polizist, "mag schon in den Lazio-Block gehen und unter Tausenden von Fanatikern deren Anführer herausholen?" Das koste "ein bisschen viel Blut für 1800 Mark Gehalt im Monat". Nicht für den italienischen Fußball insgesamt, doch vielleicht für Verona zeichnet sich eine Lösung ab: Hellas, dem Club der rechten Horden, droht der Abstieg, der rassistenfreie Konkurrent Chievo führt die zweite Liga an und wird wohl aufsteigen. Dann wäre der Spuk bei Hellas zwar nicht vorbei - aber es wären weniger TV-Kameras vor Ort.
Quelle: DER SPIEGEL
 
 
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