Frust statt Lust-Fußball & Kommerz
 
     
 
All jenen Freunden des runden Leders, die mit offenen Augen durch die Bundesligastadien gehen und sie vor der grausamen Realität nicht verschließen, dürfte es garantiert nicht entgangen sein: Der Kampf der Fans um ihren Leiblingssport scheint - zumindest im Profibereich - längst verloren, die nette Parole "Reclaim the game - holt Euch das Spiel zurück" - ist zur Farce geworden. Vielerorts entstehen neue Arenen, die zu reinen Konsumtempeln mutieren. Die berühmt-berüchtigen "Allesfahrer" und älteren Anhänger zieht es immer mehr auf die teuren Sitzplätze. Dort droht der Support gänzlich einzuschlafen. Man wird bequem und genügsam, bekommt seinen Allerwertesten nur noch zum Bier holen hoch. Ein Blick in die Amsterdam-Arena läßt erahnen, was demnächst auch deutsche Spielstätten ereilen könnte. Bei Ajax ist mittlerweile in der Stadionordnung manifestiert, daß jeder Besucher auf seinem Sitzplatz zu sitzen hat und nichts anderes. Ein Zuwiderhandeln kann sogar mit Stadionverbot geahndet werden. Wer nun meint, so etwas sei in den Niederlanden möglich, aber in dieser Republik kaum denkbar, der unterliegt einem Irrglauben. Auch auf der britischen Insel zieht der Kommerz weiter unaufhaltsam seine Bahnen. Totale Versitzplatzung und stetig steigende Ticket-Preise in der "Premier League" sorgen dafür, daß Otto-Normal-Verdiener nach dem "Luxus" Fußball notgedrungen entsagen muß. Beispiel Baustelle Volksparkstadion Hamburg: Dort verdoppelte sich der Dauerkartenpreis für die Haupttribüne binnen Saison von 400 auf satte 790 DM! In der Stadt- und Sozialplanung spricht man von einem Prozeß der "Gentrifikation", der Verdrängung einkommensschwächerer durch einkommensstärkere Bevölkerungsschichten und die entsprechende Umwandlung der Wohngebiete hin zu Nobelquartieren. Nichts anderes vollzieht sich Schritt für Schritt, Saison für Saison in den Bundesligastadien. Nach amerikanischen Vorbild führt der Weg geradezu ins Verderben der Fankultur alter Prägung. Das einstmalige Hauptereignis - der Sport - wird beinahe zur Nebensache. Der Besuch in der Arena gestaltet verstärkt zur reinen Unterhaltungsshow, die sich mit einem Einkaufsbummel oder Geschäftsessen im netten Ambiente der VIP-Logen ideal kombinieren läßt. In punkto Stimmung geht von den Rängen Eigeninitiative höchstens bei zählbaren Erfolgen der aktiven Millionäre auf dem Spielfeld aus. Ansonsten versuchten musikalische Einspielungen krampfhaft das teuer zahlende Publikum zum Mitklatschen oder Mitsingen zu animieren. Erste Verboten dieser Umeigenständigkeit schwappen mit "La Olas" und Steht auf wenn Ihr XYZ seid" oder "Auf geht´s XYZ, schieß ein Tor..." -Gesängen bereits durch deutsche Stadien. Und die Deppen auf den Rängen machen mit. Die Kreativität in punkto Fanlieder tendiert gen Null. Ganz Deutschland ist fest in den Händen der Kommerz-Bundesliga. Ganz Deutschland? Nein, ein kleines Häuflein unbeugsamer Fußballanhänger leistet Widerstand. Da dies akustisch mangels Masse von Vornherein zum Scheitern verurteilt ist, konzentriert man sich verstärkt auf optische Alternativen. Sei es durch den Einsatz von pyrotechnischen Erzeugnissen wie Rauchbomben oder Bengalfackeln, überdimensionalen Schwenkfahnen und Transparenten mit aus südlichen Gefilden übernommenen Beziehungen wie "Ultras", "Inferno", "Commando" oder "Brigade", aber auch Choreographien. Allein durch diese Mittel kann noch etwas Aufmerksam in der "ran"-verseuchten Öffentlichkeit erregt werden. Dabei liegt die Betonung auf "noch", denn diese Art stiller, optischer Protest des harten Kerns der Fanszene paßt den meisten Vereinen ganz und gar nicht. Sie streben nach totaler Kontrolle über alle Stadienbesucher. Kritiklos sollen die Fans sein, immer schön nach der Pfeife der Klubs tanzen. Was mit der Verbannung von pyrotechnischen Erzeugnissen begann, findet zusehends durch Verbote bestimmter bereits oben erwähnter Bezeichnungen auf Transparenten seine peinliche Fortsetzung. Auch Choreographien wird nach und nach der Riegel vorgeschoben. Lapidare Ausrede: Die immensen Kosten bei der anschließenden Reinigung des Stadions. Als nächstes dürften voraussichtlich die Schwenkfahnen als gemeingefährliche Schlagwaffen eingestuft und ebenfalls untersagt werden. Von südländischen Verhältnissen ist die deutsche Fanszene meilenweit entfernt. Sorgen zum Beispiel in Italien Gruppierungen mit bis zu 20000 Mitgliedern schon allein quantitativ dafür, daß sie ihre Interessen dem Verein gegenüber weitestgehend durchsetzen können, rekrutieren sich hierzulande in der Regel kaum mehr als 200 positiv "Verrückte" pro Klub. Tendenz fallend. Geradezu eine aussterbende Gattung. Und die geldgeiernden Vereinsbosse werden auf ihren Gräbern tanzen. Anstatt mit Einigkeit Stärke zu beweisen, verschlafen die letzten der Mohikaner die Zeichen der Zeit und verstricken sich in politischen Diskussionen. Die B.A.F.F., das Bündnis aktiver (ursprünglich antifaschistischer) Fußballfans kann nicht mit den "Ultras" und umgekehrt. Der Slogan "Reclaim the game - holt Euch das Spiel zurück" sollte sich auf den Fußballsport und die Fankultur in den Stadien beziehen, nicht etwa auf politische Meinungsäußerungen. Jeder soll (s)eine politische Einstellung haben (schlimm, wenn dem nicht so wäre), aber in der Arena geht es noch immer hauptsächlich um das runde Leder und 22 Irre, die ihm hinterher jagen. Das scheinen einige Aktivisten - ganz gleich welcher Couleur desöfteren zu vergessen. Der leidige Rassismus in den Stadien wird bevorzugt thematisiert. Doch alle politischen Agitatoren verflüchtigen sich im Laufe der fortschreitenden Kommerzialisierung von selbst und suchen andernorts ihre Bauernopfer. Dann hat der harte Kern der Supporters in Deutschland seinen Kampf um das Überleben der Fankultur bereits verloren. Da ein Umdenken bei den kreativen Köpfen bezüglich der Politikdiskussionen nicht abzusehen ist, scheint Fakt zu sein, was viele noch immer nicht wahrhaben wollen: Der Bundesliga-Zug ist Richtung Kommerz abgefahren. Notbremse ziehen zwecklos. Eine Alternative bietet sich nur auf den Nebengleisen der unteren Spielklassen oder im Ausland. Nutzt diese Schienen, solange es noch geht... Der (Profi-)Fußball ist tot, es lebe der Fußball!

Mit freundlicher Zustimmung des Verfassers Carsten Grab ist es uns möglich geworden diesen realistischen Text zur Veröffentlichen.

Beim Thema Fußball & Kommerz ist in diesem Fall nichts hinzuzufügen da der Inhalt des Textes die Auffassung des Fanclubs BLAU-WEISS DYNAMIK wieder spiegelt.
 
 
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