Über eine gar nicht ferne Zukunft
 
     
 
Wie sehr hatte er sich auf diesen Tag gefreut! Seit Wochen schon fieberte er dem großen Entscheidungsspiel in der Europaliga zwischen dem Opel- Team der Bayern München - Aktiengesellschaft und der italienischen Squadra Fiat, der Juventus S.p.a. entgegen. Bei einem Sieg wäre den Münchnern der Titel in der diesjährigen Saison 2009/2010 nicht mehr zu nehmen und die Aktionäre des Unternehmens könnten sich über eine stattliche Sonderausschüttung zusätzlich zur ohnehin seit Jahren üppigen Dividende freuen. Wie immer bei Heimspielen hatten die Münchner auch dieses Mal mehrere Hochgeschwindigkeitszüge der vierten Generation für die zahlreichen auswärtigen Bayern - Anhänger gechartert. Während um ihn herum im Abteil bereits eine fröhliche Stimmung herrschte - die satten Menschen der Mittelschicht, darunter auffallend viele Familien, ließen sich von bezahlten Animateuren lautstark auf das Spiel anfeuern - kam er beim Blick aus dem Fenster ins Grübeln. Seit seiner Kindheit war er Fan des FC Bayern gewesen. Gleich nach der Wende war er damals Mitglied des Vereins geworden. Heute war er stolzer Aktionär der Bayern AG, dem ersten europäischen Fußballunternehmen, das an der New Yorker Stock Exchange notiert wurde. Und das, obwohl die Konkurrenten, allen voran die Briten, über einen mehrjährigen Vorsprung als Kapitalgesellschaften verfügten. Der Wert der Bayern -Aktie hatte sich in wenigen Jahren vervielfacht. Eigentlich konnte er zufrieden sein. Und doch hatte er sich noch immer nicht völlig an die neue Situation im Profifußball gewöhnt. Seit dem "Big Bang" vor zehn Jahren, der Einführung der Europaliga mit dezentraler Vermarktung der Fernsehrechte bei gleichzeitiger Umwandlung der früheren Vereine in Kapitalgesellschaften schien nichts mehr so zu sein wie es einmal war. Neue Namen, neue Stadien, neue Strukturen. Die dezentrale Vermarktung ist erst der Anfang Den nationalen Pokalwettbewerb hatten sie um die Jahrtausendwende Schritt für Schritt demontiert und schließlich ganz abgeschafft, weil er angeblich betriebswirtschaftlich zu unsicher und nicht rentabel genug war.... "Erfolg muß planbar sein", hieß das neue Fußballmotto. Ihn befiehl Wehmut, wenn er an den Fußball in seiner Heimat Sachsen denken mußte. Fast zwanzig Jahre ist es her, daß hier zum letzten Mal Profifußball gespielt wurde, nachdem mit Hansa Rostock auch der letzte ostdeutsche Verein verschwunden war. Die Wirtschaftskraft im Osten Deutschlands reichte einfach nicht aus, um in diesem hart umkämpften Markt mitzuhalten. Den meisten anderen Regionen Deutschlands erging es kaum besser. Nach den Konzertrationsprozessen der letzten Jahre - zwei Drittel aller ehemaligen Proficlubs der 1.und 2. Liga wurden aufgekauft oder verschwanden vom Markt, soweit sie nicht in den Amateurklassen herumdümpeln - gab es außer in München nur noch in Stuttgart, Schalke, Leverkusen, Dortmund, Bremen und Berlin Profiunternehmen. Wer aber außerhalb des Fußballs keine wirtschaftliche Standbeine geschaffen hatte, mußte schwer kämpfen. Eben erst hatte das Fußballunternehmen Hamburger Sportverein AG zum zweiten Mal innerhalb weniger Jahre Vergleich anmelden müssen und dieses mal, so schien es, war Konkurs nicht mehr abzuwenden. Wenn es selbst in der Millionenstadt Hamburg nicht möglich war, dauerhaft eine Mannschaft zu finanzieren, wie sollte ein solches Unterfangen etwa in Sachsen oder Thüringen gelingen, versuchte er sich zu trösten. Und schließlich war da noch ein Strohhalm an den er sich klammern konnte: hatte nicht der Bayernvorstand auf der letzten Bilanzpressekonferenz angekündigt, über ein Fußball-Tochterunternehmen im Osten Deutschlands nachzudenken, welches als Junior-Opel-Team in der abgewerteten deutschen Liga starten sollte? All diese Gedanken waren verflogen, als er unterirdisch per Aufzug die prächtige Franz-Beckenbauer-Arena betrat. Dort, wo nachher Rasen hereingefahren würde, fand jetzt noch die zweistündige Werbeshow der Sponsoren statt. Ein Produkt nach dem anderen wurde präsentiert, während auf den Rängen attraktive Hostessen in kurzen Röcken die Bestellungen für die Ware aufnahmen. Bezahlt wurde per Kreditkarte, die Lieferung wurde für den übernächsten Werktag versprochen. Zwar bestand kein Kaufzwang, doch gab es für jede volle zehn Euro einen Bonuspunkt, mit dem man dem großen Traum vom Besuch eines Auswärtsspiels in der Euroliga einen Schritt näher kam. Die Zeiten wo jeder für jedes Spiel Eintrittskarten kaufen konnte, waren lange vorbei. Karten für Ausswärtsspiele wurden ausschließlich als Pauschalangebote mit Flug, Transfer und Unterkunft der Bayern-Ticket GmbH abgegeben. Der Preis für ein solches Arrangement lag, je nach Kategorie, zwischen 1000 - 5000 Euro pro Person und Spiel. Nur wer in der Warteliste weit genug vorne war, konnte manchmal via Internet verbilligte Last-Minute-Angebote ergattern. Um jedoch überhaupt einmal auf die Warteliste für Auswärtsspiele zu gelangen, waren hundert Bonuspunkte notwendig. Ihm fehlten nur noch 14, doch hatte er sich vorgenommen, heute nichts zu kaufen. Er wollte diese Geschäftemacherei nicht länger unterstützen, jedenfalls nicht mehr bedingungslos. Natürlich hatte er damals um die Jahrtausendwenden Proteste von Fans gegen die totale Kommerzialisierung gegeben. Doch blieb es bei spärlichen Aktionen kleiner Gruppen. Eine mächtige Lobby der Fans gab es in Deutschland zu keiner Zeit. Die wenigen Mahner aus Sport und Politik, die vor der Zerstörung des sportlichen Wettbewerbs durch zu große wirtschaftliche Disparitäten gewarnt hatten, fanden kein Gehör. Das große Geld vor Augen, erlagen die Fußballverantwortlichen den Verlockungen der europäischen Mediengiganten, die sich von der Europaliga den Durchbruch für das digitale Bezahlfernsehen erhofften und mit Milliarden köderten. Trotz enormer Preissteigerungen war beim Publikum kein Rückgang der Nachfrage an der Ware Fußball zu verzeichnen. Es gab mittlerweile einfach zu wenige Anbieter für Profifußball in Deutschland. Für den Fall daß doch einmal Plätze im Stadion leerblieben, hatte jedes Fußballunternehmen eine Kartei mit kurzfristigen abrufbaren Ergänzungszuschauern parat, die zugleich Animationsaufgaben erfüllten. Freilich waren es nun nicht länger die kleinen Leute, die den Weg in die supermodernen Arenen fanden, sondern verwöhnte aber zahlungskräftige Angehörige der gutbetuchten Mittelschicht. Soziologen sprachen rückblickend vom größten Publikumstausch aller Zeiten im modernen Sport. Die ausgestoßenen ehemals treuen Fans machten - soweit sie nicht als Animateure ihr Auskommen gefunden hatten - höchstens noch durch gelegentliche Randale außerhalb der Stadien auf sich aufmerksam. Aus der einstmals leidenschaftlich erhitzten Atmosphäre wurde eine gepflegte Runde satter Konsumenten. So war die Stimmung auch heute eher wie bei einem Tennismatch, wären da nicht ab und an die koordinierten Anfeuerungen über Mikrophon, durch die bezahlten "Bayer-Supporter-Manager" zu hören gewesen, die gelegentlich auch zu Choreographien animieren. Zu Feier des Tages hatte er sich nach dem Spiel doch noch zum Kauf eines mehrteiligen Koffersets in den Vereinsfarben überreden lassen und damit die restlichen Bonuspunkte für die Aufnahme in die Warteliste erworben...
 
 
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